KarolineKaroline Linnert über die Wahlaussichten der Grünen und die Arbeit als Opposition

Mit einem Stimmenergebnis von 91 Prozent ist Karoline Linnert am Wochenende zur Spitzenkandidatin der Bremer Grünen für die nächste Bürgerschaftswahl gewählt worden. Die 48-Jährige sitzt seit 1991 im Parlament und ist neben ihrem Amt als Fraktionschefin auch Vorsitzende des Haushaltsausschusses. "Wir müssen den Bürgern die Wahrheit sagen, dann kann man sie auch für einen gerechten Sparkurs gewinnen", sagte sie im Gespräch mit unserem Redakteur Jürgen Hinrichs.


Frau Linnert, erst einmal herzlichen Glückwunsch, obwohl: besonders überraschend ist das Ergebnis ja nicht.
Karoline Linnert: Ich freu' mich aber trotzdem. Die 91 Prozent sind ein toller Vertrauensbeweis und eine Anerkennung meiner Arbeit.
Sie sind seit 15 Jahren in der Bürgerschaft. Schleift sich da nicht langsam etwas ab? Das hat Vor- und Nachteile. Es gibt weniger den Reiz des Neuen, andererseits spart die Routine meine Kräfte, die ich auf neue Felder lenken kann. Unterm Strich glaube ich, dass ich besser geworden bin. Ich traue mir mehr zu und bin in meinem Urteil sicherer als früher.

Es ist schon kurios, das die Bremer SPD ihre altgedienten Abgeordneten nach Hause schickt und die Grünen das nicht tun, obwohl sie die Rotation erfunden...

...und aus guten Gründen wieder abgeschafft haben. Als starres Prinzip taugt diese Regelung nicht. Die Verwaltung ist so stark geworden, dass die Abgeordneten schon sehr viel Erfahrung mitbringen müssen, um dagegenhalten zu können. Trotzdem binden wir natürlich auch neue Abgeordnete ein. Bei der SPD übrigens müssen Sie sehen, dass die Spitzenleute verschont bleiben.

Die Wahl am 13. Mai - welches Ergebnis erhoffen Sie sich?
15 plus X. Gefühlt kommt das hin. Wir kriegen so gute Rückmeldungen für unsere Oppositionsarbeit, dass wir optimistisch sein dürfen. Wer die große Koalition abwählen will, muss grün wählen, so einfach ist das.

Welche Konstellation stellen Sie sich vor, wer stellt die Regierung?
Gemach, gemach, warten wir das Ergebnis ab. Vielleicht reicht es für Rot-Grün, das würde ich mir wünschen, wenngleich die SPD zuerst einmal unser politischer Gegner ist. Eine weitere Auflage der Großen Koalition wäre jedenfalls eine Katastrophe. Sie hat Bremen bisher nicht geholfen und wird das auch in Zukunft nicht tun. Falls es aber so kommen sollte, machen wir eben weiter Oppositionsarbeit.

Mit der sie notgedrungen überfordert sind. Ein so großer Machtblock von SPD und CDU, was wollen Sie da schon ausrichten?
Nun ja, erfolglos waren wir nicht. Denken Sie allein an die Skandale, die wir aufgedeckt haben. Zuletzt die Missstände in der Finanzverwaltung der Krankenhäuser. Aber Sie haben natürlich auch recht: Was uns als Opposition abverlangt wird, ist menschenunmöglich. Obwohl wir verdammt hart arbeiten, bleibt doch immer was liegen. Eine Große Koalition muss deswegen eine Ausnahme bleiben, sonst funktioniert die parlamentarische Demokratie irgendwann nicht mehr.

Bremen ist in einer verzweifelten Situation. Sollte es mit der Finanzklage in Karlsruhe nicht klappen, könnten schon bald die Lichter ausgehen. Was fiele den Grünen anderes ein als der Großen Koalition, um Bremen zu retten?
Viel, sehr viel. Es ist ja nicht so, dass der derzeitige politische Kurs alternativlos wäre. Man muss zum Beispiel keine 200 Hektar überflüssige Gewerbefläche ausweisen, die Rennbahn fördern oder die Schwachhauser Heerstraße ausbauen.

Und wo würden Sie ansetzen?
Bei der Wahrheit. Den Bürgern muss klar gemacht werden, wie dramatisch die Finanzlage ist, dann kann man sie auch für einen gerechten Sparkurs gewinnen. Wir müssen Schwerpunkte setzen, bei der Bildung vor allem und endlich zu einem vernünftigen und verbindlichen Umgang mit unseren niedersächsischen Nachbarn kommen.

Wo sehen Sie Ihre persönliche Rolle, wenn es klappt mit der Regierungsbeteiligung?
Sie kennen ja den Spruch mit dem Fell und dem Bären, so will ich es auch halten. Aber klar, in den Senat möchte ich schon, daraus mache ich kein Hehl.

Bremer Tageszeitungen AG Ausgabe: Weser-Kurier Seite: 15 Datum: 27.11.2006

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